Das Coronarchiv

Collected Item: “Nützliches Katastrophenwissen”

Titel

Nützliches Katastrophenwissen

Beschreibung/Text

Beim Einkaufen fühle ich mich zurzeit unwohl. Erst dachte ich, aufgrund der vielen Zeit zu Hause hätte ich eine soziale Phobie entwickelt. Allerdings ergreift mich dieses Gefühl sonst beim Rausgehen nicht. Es hat wohl eher etwas mit meiner Wahrnehmung der anderen Menschen zu tun. Einerseits möchte ich die Regeln des sozialen Abstands einhalten und würde gerne eine Maske und Handschuhe tragen, um andere nicht zu gefährden. Andererseits möchte ich aber auch nicht als überempfindlich und ängstlich oder gar panisch erscheinen. In diesem Zwiespalt richtet sich mein Frust auf die anderen Menschen, deren Erwartungen meine Bedürfnisse zu beschränken scheinen. Mir fallen vor allem die Menschen auf, die zu wenig Distanz wahren, die zu eng zusammenstehen und unbekümmert wirken. Sie wecken in mir den inneren Blockwart, der nicht nur andere zur Ordnung rufen möchte, sondern sich selbst auch als Maß der Dinge versteht.

Dann muss ich aber an das Buch von Rebecca Solnit decken, das ich gerade lese: A Paradise Build in Hell. Darin beschreibt Solnit, dass Menschen sich in Katastrophen viel sozialer verhalten, als wir das häufig erwarten und aus den Medien kennen. Gerade weil in Katastrophen das Leiden eine Kollektiverfahrung ist, führen sie Menschen oft zusammen und stiften einen Gemeinschaftssinn, der auch nach Jahren noch mit einer gewissen Sehnsucht erinnert wird. Diese Lektüre verändert meine Blickrichtung und führt mir das Unsichtbare vor Augen. Solidarität und Fürsorge drücken sich gerade in der Leere auf den Straßen und Fußwegen aus. Die Mehrheit der Menschen verhält sich zurzeit ausgesprochen sozial, auch wenn das nicht immer unmittelbar in den Blick kommt. Dieses Wissen hilft mir mit meinem Unbehagen beim Einkaufen. Zwar trage ich immer noch keine Maske, aber sehe ich das nun als mein Problem und weniger als das der anderen. Grundsätzlich beeinflussen unsere Vorstellungen darüber, wie Menschen sich in einer Krise verhalten, unsere Wahrnehmung und unser Handeln. Dass das bei politischen EntscheidungsträgerInnen fatale Konsequenzen haben kann, lässt sich eindrücklich bei Solnit nachlesen. Aber auch bei jedem Einzelnen und jeder Einzelnen von uns kann es Konsequenzen haben, ob wir eher auf das Horten und die Corona-Partys einiger weniger schauen oder ob wir die freundlichen Gesten sowie die unsichtbare Fürsorge in der Distanz der vielen wahrnehmen.

Wann ist das Material entstanden?

7.4.2020

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Florian Hannig

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