So einfach kann man jemandem ein Lächeln ins Gesicht zaubern in Zeiten wie diesen. Eine Postkarte, eine liebe, kleine Aufmerksamkeit unserer Frau Nachbarin. Sie weiß offensichtlich, wie wenig es braucht, um jemandem eine Freude zu bereiten.

Objekt

Titel

So einfach kann man jemandem ein Lächeln ins Gesicht zaubern in Zeiten wie diesen. Eine Postkarte, eine liebe, kleine Aufmerksamkeit unserer Frau Nachbarin. Sie weiß offensichtlich, wie wenig es braucht, um jemandem eine Freude zu bereiten.

Beschreibung

Diese kleine Aufmerksamkeit (Bild) berührt mich zutiefst, bringt mich stark zum Nachdenken und Zweifeln and unserer Gesellschaft. Gedanken fließen und spielen Wettrennen. Stimmungsschwankungen im Stundentakt: von höchsten Glücksgefühlen bis tiefste Depression. Normalerweise würde man das manisch-depressive Störung nennen. Aber heute ist alles anders. Heute ist Corona.

Normalerweise würden wir uns mit unseren liebsten Freunden treffen, am Bach grillen, Zelten, auf spontane Wochenendtrips in eine andere Region fahren. Den Frühling genießen. Vielleicht sogar schon schwimmen gehen, für die hart gesottenen unter uns. Pläne schmieden für die Zukunft, uns sicher fühlen. Reisen, Freiheit erleben jeden Tag. Aber heute ist alles anders. Heute ist Corona und wir sitzen zuhause in Quarantäne.

Normalerweise würden wir jeden Tag von morgens bis abends arbeiten, in einem Job, der uns gefällt oder auch nicht. Oder wir würden in die Schule gehen, die Zeit in der Uni totschlagen. Wir würden uns über die sinnlosen Kleinigkeiten des Alltags beschweren. Viele von uns würden sich über ihr eintöniges, unerfülltes Leben beklagen. Wir würden mit unseren Partnern streiten wegen Kleinigkeiten. Wir wären unzufrieden mit unserer Wohnung, unseren Nachbarn, unserer Arbeit, unseren Arbeitskollegen, unseren Freunden und unserer Freizeit, sofern wir so etwas noch haben. Wir würden bestimmt etwas Negatives finden, bei allem was wir tun. Auch, wenn wir uns eigentlich ganz schön glücklich schätzen könnten. Aber wir würden alles für gegeben nehmen, alles als selbstverständlich. Wir würden auch selten dankbar für etwas sein, schon gar nicht für so kleine, „unwichtige“ Dinge, wie ein Lächeln eines Passanten. Wir würden an anderen Menschen unsere schlechte Laune auslassen, anstelle sie freundlich und respektvoll zu behandeln. Wir würden immer anderen die Schuld geben. Aber heute ist alles anders. Heute ist Corona und wir lernen Selbstreflexion.

Normalerweise würden wir uns nicht um unsere Nachbarn sorgen, sie fragen, ob es ihnen gut geht, ob wir etwas für sie tun können. Wir würden uns nicht Gedanken machen, wie wir Fremden oder flüchtig Bekannten eine Freude bereiten können. Wir würden vielleicht unsere Familien vernachlässigen, weil wir Besseres zu tun haben, zu wenig Zeit, keine Lust, zu beschäftigt. Wir würden nicht aufeinander Rücksicht nehmen, beim Einkaufen, Spazieren etc. Wir würden nicht die Dame an der Kassa so freundlich grüßen und ihr alles Gute wünschen. Wir würden nicht fremde Menschen auf der Straße anlächeln, obwohl man es eh kaum sieht unter der Maske. Wir würden nicht so viel aufeinander Acht geben. Wir würden uns nicht täglich viel Gesundheit und Glück wünschen. Warum eigentlich nicht? Aber heute ist sowieso alles anders. Heute ist Corona und wir zaubern uns gegenseitig ein Lächeln ins Gesicht.

Normalerweise würden wir wie blind, wie mit allen Sinnen betäubt durchs Leben gehen, rennen, rasen. Schneller, weiter, höher. Mehr! Wir würden niemals zufrieden sein, mit dem, was ist. Erreichen wir etwas, so würden wir auch schonwieder das nächste finden, das uns nicht passt. Wir sind niemals vollkommen glücklich. Ständig im Rennen um den nächsten Erfolg, die nächste Anerkennung oder kurzfristige Befriedigung. Niemals Ruhe. Niemals echte Auszeit (wieso brauchen wir überhaupt Auszeit von unserem Leben?). Sogar unsere vermeintlichen Auszeiten, wir nennen das meistens „Urlaub“ oder „Wochenende“, sind von vorne bis hinten durchgeplant, getimed und strukturiert. „Entspannung: Start“ – „Entspannung: Stop“. Weiter geht’s. Schnell und effizient. Wenn mal kein Urlaub in Aussicht ist, dann muss eben Essen Abhilfe schaffen, oder Alkohol, oder Einkaufen oder einfach irgendetwas, das uns glücklich macht, zumindest für einen kurzen Moment. Wir würden so uns selbst schaden, unseren Mitmenschen und der Natur. Wir wären rücksichtslos. Denn so sind wir nun mal, richtig? Oder vielleicht doch nicht richtig? Ich bin mir nicht sicher. Aber heute ist eh alles anders. Heute ist Corona und wir werden langsam (und) nachdenklich.

Normalerweise würden wir eben so durchs Leben irren. So unzufrieden und blind. Wir würden längst vergessen haben, wer wir eigentlich sind, was uns wichtig ist, wofür wir stehen. Was wir in der Welt bewirken wollen, was wir der Welt zurückgeben wollen. Was wir eigentlich vom Leben wollen. Und damit meine ich nicht, was andere von einem erwarten, sei‘s Familie, Freunde, unsere Gesellschaft oder wer/was auch immer. Und auch nicht, was wir meinen, erfüllen zu müssen, weil „man das eben so macht“. Ich meine, das was DU möchtest. DEINE Visionen, DEINE Träume, DEINE Vorstellungen vom Leben. Hast du darüber denn jemals so richtig und ernsthaft nachgedacht? Oder sind diese Träume einfach unterm Alltag erdrückt worden und verschwunden? Wir würden nicht erkennen, wie individuell wertvoll wir alle sind. Jeder auf seine eigene Art und Weise. Wir würden weiterhin Kopien von uns anfertigen, einzigartige Talente verschwenden und nicht fördern, im Staub ersticken. Stehts bemüht uns anzupassen und einzufügen. Wir würden nicht das Glück erkennen, was es heißt, leben zu dürfen und voll leben zu können. Wir würden nicht wirklich wissen, wie wertvoll unsere Freiheit ist. Und nicht selbstverständlich. Wir würden auch nicht wissen, was es heißt, vollkommen wir selbst zu sein und das auch sein zu dürfen. Aber heute ist alles anders. Heute ist Corona und es gibt Zeit und Platz, man selbst zu sein.

Normalerweise nimmt das Leben so seinen Lauf, unaufhaltsam. Bis man eines Tages erschrocken feststellen muss, dass es das jetzt wohl war mit meinem Leben. Und man sich fragt, ob man denn je gelebt hat? Aber heute ist alles anders. Heute steht das Leben still. Heute denkt man nach. Heute schätz man und ist dankbar. Heute unterstützt und sorgt man. Heute liebt man sich selbst und seine Mitmenschen, Tiere und Pflanzen und nimmt sich und andere so an, wie man ist und wie sie sind. Heute nimmt man sein Ego zurück. Heute überdenkt man. Heute genießt man mit allen Sinnen. Und heute lebt man. Hoffentlich bleibt das so, auch nach Corona.

Datum

22.03.2020

Mitwirkender

Postkarte von unserer schon recht alten und herzlichen Frau Nachbarin

Räumlicher Geltungsbereich

Kufstein, Tirol, Österreich

Urheber

Sophia

Rechteinhaber

Ja

Rechte

CC BY-SA 4.0

This item was submitted on 6. April 2020 by [anonymous user] using the form “Leben in der Corona-Krise” on the site “Das Coronarchiv”: https://coronarchiv.geschichte.uni-hamburg.de/projector/s/coronarchiv

Click here to view the collected data.