Der etwas andere Frühling 2020

Objekt

Titel

Der etwas andere Frühling 2020

Beschreibung

Am 1. März waren mein Partner und ich ob des in Kürze zu erwartenden Urlaubs voller Pläne und Vorfreude. Wir buchten Zugtickets nach Hamburg - einmal quer durch Deutschland - sowie Übernachtungen. Er stammt aus Hamburg, hat dort noch Familie sowie einen Sohn im Grundschulalter. Wir planten Besuche, Abläufe - wann trifft man wen, was könnten wir mit seinem Kind und der Ex-Partnerin unternehmen, wer hat vor Ort wann wieviel Zeit. Schon seit Wochen wurde über das Corona-Virus in einem anderen Teil dieser Welt berichtet, es schien dennoch sehr weit von der eigenen Realität entfernt. Obwohl es Meldungen darüber gab, dass das Virus zwischenzeitlich in Europa angekommen war, hofften wir, dass wir erst noch Anfang April diese Familienbesuchstour machen können, bevor unsere Welt sich verändern wird; die Welt der Italiener brach zu diesem Zeitpunkt bereits zusammen.

Wir hatten Pech: wir hatten schlichtweg die Geschwindigkeit der Ausbreitung unterschätzt. Es sprengte unsere Vorstellungskraft, wie schnell sich der komplette Alltag verändern wird durch entsprechende Regelungen wie Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkungen. Wie schnell das öffentliche Leben brach liegen wird, komplette Zugverbindungen gestrichen werden, die meisten Flieger am Boden bleiben. Wie sich das Einkaufen verändern wird: Zum ersten Mal in meinem Leben stand ich am 20. März vor einem örtlichen Baumarkt in der Schlange, da nur noch 150 Personen, jeweils mit Einkaufswagen, zeitgleich eingelassen wurden. In den darauf folgenden Wochen sollten viele Einzelhändler kreativ und verstärkt von Security die Schlangenführung perfektionieren, die auch die Abstandseinhaltung überwachen. Es ist erstaunlich, wie schnell solche Maßnahmen als das neue "normal" empfunden werden.
Auch meine Bauchschmerzen, die ich anfangs bekam, wenn ich daran dachte, mit welchem atemberaubenden Tempo (sicher durchaus berechtigte) Maßnahmen eingeführt wurden, die die Freiheitsrechte des Einzelnen deutlich einschränken wie auch unsere Demokratie, wie wir sie bisher kannten, werden weniger. Es scheint ein Gewöhnungseffekt einzusetzen. Die Hoffnung aber bleibt, dass sich die Entscheider darüber im Klaren sind, wie sehr diese Gesellschaft nun darauf angewiesen ist, dass zum nächstmöglichen Zeitpunkt diese Beschränkungen wieder aufgehoben, oder doch zumindest erneut schrittweise gelockert werden.

Nach mehreren Diskussionen mit meinen Eltern durfte ich schließlich für sie einkaufen gehen; sie gehören schon alleine auf Grund ihres Alters zur Risikogruppe. Ich kann sie ja verstehen: Wenn man noch vieles selbst machen kann, möchte man das doch nicht abgeben; vor allem auch, wenn es etwas Abwechslung bedeutet. Meine Mutter wurde am 31. März 75 Jahre alt - eigentlich ein Grund zu feiern: sich mit Freunden und Familie zu treffen, das bisher gelebte Leben Revue passieren zu lassen, sich an gemeinsame Erlebnisse erinnern, an gute und schlechte Zeiten. Dieses Jahr, ausgerechnet, war alles anders: mein Partner und ich standen mit Atemschutzmaske und Handschuhen vor der Tür, brachten mit brennendem Kerzchen ein Ständchen. Wir hatten Geschenke und selbstgekochtes Essen mitgebracht, damit meine Mutter wenigstens an diesem Tag nicht selbst in der Küche stehen musste. Umarmungen gab es dieses Mal nicht - Vorsichtsmaßnahme. Eine wirklich traurige Situation, die mir auf dem Rückweg die Tränen in die Augen trieb.

Für mich bedeutet das Virus, bestimmte Dinge neu zu denken. Ich hatte bereits vor einigen Jahren - ich war damals 38 - eine Patientenverfügung (glücklicherweise ohne konkreten Anlass) abgeschlossen. Meine Intention war, im Notfall in einer für Angehörige sehr schwierigen Situation, die sowieso bereits emotional im höchsten Maße aufwühlend sein wird, diesen eine Entscheidung abnehmen zu wollen. Und ich konnte bereits vorab regeln, dass ich keine lebensverlängernde Maßnahmen möchte. Das wahrscheinlichste Szenario, das mir damals vorschwebte, war, dass ich auf Grund eines Unfalls an Maschinen angeschlossen sein werde, auch, wenn keine Aussicht mehr auf Besserung des Gesundheitszustandes bestünde. Genau das wollte ich auf gar keinen Fall. Und jetzt? Unwahrscheinlich ist (nach allem, was bislang bekannt ist), dass Covid-19 bei mir einen schweren Verlauf nehmen wird, sollte ich daran erkranken. Wahrscheinlich aber ist, dass die Anzahl der verfügbaren Beatmungsgeräte zu einem bestimmten Zeitpunkt kleiner sein wird als die Anzahl der schwer Erkrankten, die künstliche Beatmung benötigen. Sollte es mich doch treffen und die Mediziner müssten auf Grund von mangelnden Geräten eine Wahl treffen, würde ich davon absehen wollen, künstlich beatmet zu werden?

Viele Menschen machen sich zur Zeit Gedanken darüber, wie es nach der Pandemie weiter gehen wird. Ich glaube, das wird davon abhängen, wie lange die Wirtschaft auf Grund der Beschränkungen brach liegt: Je länger dieser Zustand dauert, umso größer wird der wirtschaftliche Schaden sein. Umso größer die Wahrscheinlichkeit, etwas Neues erschaffen zu müssen, da vom Alten nicht mehr viel übrig bleiben wird. Das birgt natürlich auch eine Hoffnung, eine Chance zur weltweiten Veränderung: denn auch hier wird es nur zusammen gehen. Zusammenhalt, Solidarität und Community sind für mich DIE Schlagworte 2020.

Datum

07.04.2020

Räumlicher Geltungsbereich

Saarbrücken

Urheber

CoSc

Rechteinhaber

Ja

Rechte

CC BY-SA 4.0

This item was submitted on 7. April 2020 by [anonymous user] using the form “Leben in der Corona-Krise” on the site “Das Coronarchiv”: https://coronarchiv.geschichte.uni-hamburg.de/projector/s/coronarchiv

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