Hoffnungsschimmer

Objekt

Titel

Hoffnungsschimmer

Beschreibung

Wenn man sein ganzes Leben lang keine Sorge um die Lebensmittelversorgung hat oder eine medizinische Versorgung zu jeder Zeit selbstverständlich erscheint, wirken leere Regale in Supermärkten und aktuelle Videos aus italienischen Krankenhäusern fast schon apokalyptisch.
Wenn man sorglos aufwächst und Krieg etwas ist, dass man nur in fremden Ländern für möglich hält, wirken die Reden von europäischen Regierungschefs, die dem Corona-Virus den „Krieg“ erklären, erschreckend bedrohlich.
Zahlreiche Menschen in anderen Orten dieser Welt, in Kriegsgebieten, Diktaturen und ähnlichen Verhältnissen, müssen schon seit Jahrzehnten, manchmal sogar Jahrhunderten, unter Lebensumständen leiden, die uns in bestimmten Bereichen gewissermaßen auch in Europa erreicht haben. Waren wir zu naiv? Dachten wir wirklich, dass es uns nie treffen würde?
Mir ist klar, dass die Tatsache, dass es anderen Menschen schlechter geht, unsere Probleme und Sorgen nicht weniger relevant machen. Trotzdem denke ich, dass die aktuelle Situation uns vor Augen führen muss, wie sehr wir nunmal an das Schicksal der Menschen am anderen Ende der Welt gebunden sind.
Während in einigen afrikanischen Ländern tagtäglich Kinder an Krankheiten sterben, die hier mit Medikamenten in Höhe von 5,- Euro behandelt werden können; während Menschen im Jemen die Lebensmittel- und Medikamentenzufuhr verweigert wird und etliche Menschen an Hunger sterben; während Menschen in China aufgrund ihrer Religion in Arbeitslager gesteckt und zwangsassimiliert werden; während tausenden Menschen vor den Toren Europas das Recht auf Asyl verwehrt wird; sitzen wir in unseren warmen Häusern und verhalten uns so, als hätte dies nichts mit uns zutun. Nie mussten wir uns Sorgen machen, ob unsere Liebsten lebenswichtige Medikamente bekommen können. Nie mussten wir uns Sorgen machen, ob wir andere Orte bereisen und Freunde besuchen können. Vielleicht ist diese jahrzehntelange Sorglosigkeit der Grund dafür, dass nun so viele Menschen in Panik geraten und sich um so banale Waren wie Klopapier schlagen. Es klingt absurd, aber vielleicht würden wir mit der Pandemie besser umgehen können, wenn wir unsere Augen nicht so lange davor verschlossen hätten, was in anderen Orten der Welt schon lange Realität ist. Vielleicht hätte Empathie und echte Hilfsbereitschaft für andere Menschen in diesen Situationen, uns heute die Gewissheit gegeben, dass wir als Gemeinschaft auch in schweren Zeiten füreinander da sein werden. Doch das sind alles nur Überlegungen. Die Geschichte lässt sich nicht mehr ändern.
Und doch gibt es immer wieder Hoffnungsschimmer. Es ist berührend, wie viele Menschen sich, zum Schutz der Alten und Kranken in unserer Gesellschaft, in freiwillige Quarantäne begeben haben. Die Videos der italienischen Balkonkonzerte, gingen etlichen Menschen weltweit ans Herz. All die Mitarbeiter in Supermärkten und Lebensmittelgeschäften, die unter enormen Druck arbeiten, um den Rest der Gesellschaft zu versorgen, werden nun endlich für ihre wichtige Arbeit geschätzt. Medizinisches Personal, das jeden Tag aufs Neue Menschenleben rettet und dafür sorgt, dass unser Gesundheitssystem nicht zusammenbricht, sind die neuen Helden unserer Zeit. Jeden Abend stehen Menschen an Fenstern und auf Balkonen und zollen diesen Helden Respekt und applaudieren ihnen.
Hoffentlich lernen wir alle aus diesen schweren Zeiten. Hoffentlich verstehen wir, dass wir uns gegen Pandemien und ähnliche globalen Gefahren nur behaupten können, wenn die Privilegierten dieser Welt ihre Privilegien nutzen, um benachteiligten Menschen zu mehr Gerechtigkeit zu verhelfen. Denn auch wir, hier in Europa, sind nicht unverwundbar.
Die Geschichte lässt sich nicht mehr ändern. Unsere Zukunft schon.

Datum

02.04.2020

Räumlicher Geltungsbereich

Hamburg

Urheber

D.A.

Rechte

CC BY-SA

This item was submitted on 12. April 2020 by [anonymous user] using the form “Leben in der Corona-Krise” on the site “Das Coronarchiv”: https://coronarchiv.geschichte.uni-hamburg.de/projector/s/coronarchiv

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