worte nur worte

Objekt

Titel

worte nur worte

Beschreibung

Ich bin Arzt. Mein Fachgebiet zählt zu den Kopffächern. Ich bin bei jeder Untersuchung nah am Kopf meiner Patienten*innen. FFP2 Masken täglich frische auch ein Gesichtsschutz und Schutzkleidung wären der Standard in normalen Zeiten. Es sind aber Coronapandemiezeiten. Selten in meinem Berufsleben -nein nie- hatten Wunsch und Wirklichkeit eine solche Lücke. Die erste Lieferung solcher Schutzkleidung habe ich ca. 2 Wochen nach Einführung der Ausgangsbeschränkungen erhalten. Bestellen konnte ich sowas ohnehin nirgendwo mehr. Ich habe es zugeteilt bekommen von meiner Kassenärztlichen Vereinigung; bevorzugt, weil ich zu den Kopffächer zähle. Es waren 15 Stück für meine 4-5 Arzthelferinnen und mich. Ich habe bisher keine davon gebraucht, weil die schlechten Zeiten noch kommen können, weil ich ja ggf. auch behandeln muss, wenn ein wirklicher CoVid-Patient meine Hilfe braucht und weil es Nachschub so schnell nicht gibt. So tragen wir bislang den einfachen Nasen-Mund-Schutz, die OP-Maske. „Bitte desinfizieren Sie Ihre Hände“, sagen meine Mitarbeiter am Empfang. Das das Desinfektionsmittel 100€ je Liter kostet und man selbst mit sehr gutem Whisky billiger käme; auch ein Pandemie-Effekt. Als die Ausgangsbeschränkung eingeführt wurde, hatte ich meine Praxis nur noch für Notfälle geöffnet. Statt über 300 Fälle pro Woche behandelten wir nur noch 5-10. Es hätte mehr Bedarf gegeben. Wir haben jedoch als Praxisteam diesen Wunsch nicht erfüllt. Flatten the curve, Verdoppelungsrate und Reproduktionszahl, wir haben -wie eigentlich alle in meinem Umfeld - uns darum bemüht den shutdown möglichst vollständig zu machen. Erfolgreich, wie ich in allen Medien hören kann. Und jetzt? Richtig wäre so weiter machen bis der Impfstoff zur Verfügung steht. Ein Jahr soll das dauern oder länger. Ein Jahr im Spagat von Bedarf der Patienten zu Möglichkeiten eine Praxis in solchen Zeiten ohne Ansteckungsgefahr zu führen. Ein Jahr im Spagat von Selbstschutz zu Mangel und den Erfindungsreichtum selbigen zu kaschieren. Ein Jahr im Spagat zwischen jede Art der Ausbreitung vermeiden und Geld verdienen müssen. Das Jahr ist nicht nur für mich zu lang. Das Jahr ist für uns alle zu lang. Wirtschaft -so wie wir sie kennen-geht so nicht. Eine offene demokratische Gesellschaft auch nicht. Und jetzt? Ich bin Arzt. Ich leben von Krankheiten. Ansteckung war und ist immer möglich doch bis vor kurzem nur ganz selten in meinem Kopf gewesen. Und jetzt?

Datum

23.04.2020

Räumlicher Geltungsbereich

Ravensburg

Urheber

K. Dutschke

Rechteinhaber

Ja

Rechte

CC BY-SA

This item was submitted on 23. April 2020 by [anonymous user] using the form “Leben in der Corona-Krise” on the site “Das Coronarchiv”: https://coronarchiv.geschichte.uni-hamburg.de/projector/s/coronarchiv

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