Hochrisikogruppe Krebs, Triage und das Gefühl, dass die Gesellschaft mein Leben in der Hand hat

Objekt

Titel

Hochrisikogruppe Krebs, Triage und das Gefühl, dass die Gesellschaft mein Leben in der Hand hat

Beschreibung

Ich bin 38 Jahre alt und kämpfe nun seit 2,5 Jahren um mein Leben. Mit 35 Jahren wurde bei mir unheilbarer Brustkrebs festgestellt, was bedeutet, dass ich Lungenmetastasen habe. Gegen jegliche Statistik lebe ich immer noch und habe bis heute keine Einschränkungen, die mir ein eigenständiges Leben verwehren. Im Gegenteil, ich arbeite, treffe Freunde, fahre in den Urlaub, lebe mein Leben und wenn man mich trifft, kommt man nicht auf die Idee, das ich schwer krank bin. Im Oktober 2019 war klar, dass ich noch einmal in die Chemotherapie muss. Diesmal habe ich weiter gearbeitet und hatte natürlich Einschränkungen, aber mit Vorsichtsmaßnahmen wegen der Grippezeit und zeitweiser Isolierung kannte ich mich ja aus. Dann im Februar 2020, wieder die gute Nachricht, ein Teil der Metastasen ist weg, der Rest größenstabil und ich bekomme erst mal nur einen Antikörper. Ich freute mich auf mehr Bewegungsfreiheit, meine Reha, eine Reise an die Ostsee mit einer Freundin. Denn keiner weiß wie meine nächste Kontrolle im Juli aussieht. Dann kam Corona und alle meine Pläne sind weg, ich in häuslicher Isolation, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ich an dem Virus sterbe, ist sehr groß. Das schlimme für mich, jetzt hängt mein Leben nicht mehr davon ab was ich mache, sondern wie die Gesellschaft damit umgeht. Ob man mich als lebenswert erachtet und auf mich Rücksicht nimmt oder ob ich verzichtbar bin, da ich keine lange Lebenserwartung habe. Und während ich mich mit dem Gedanken trage, ob mich wohl Corona oder der Krebs töten wird, feiern Menschen Corona-Partys und reden von der natürlichen Auslese. Den Schmerz über solche Aussagen kann ich nicht in Worte fassen.
Vor 2 Tagen kam dann die Nachricht, dass auch für Deutschland eine Triage erarbeitet wurde, wer also bei nicht genug Intensivplätzen betreut bzw. nicht betreut werden soll. Und natürlich würde das heißen, dass ich im Zweifel nicht beatmet werde...
Aktuell ist die Situation für mich wie eine zweite Krebsdiagnose, nun gibt es zwei "Gegner", die mich töten wollen. Dazu kommt, dass bis ein Impfstoff gefunden ist, ich keine sozialen Kontakte mehr haben werde, kaum das Haus verlassen kann etc. Und vielleicht bringt mich meine Antikörpertherapie, für die ich alle 3 Wochen in die Klinik muss, am Ende um, da ich den Virus bekomme. Obwohl sie mein Leben verlängern soll. Es ist verrückt. Das Bild zeigt einen Whatsapp Chat mit Freunden, den ich nutze um sie über meine Erkrankung auf dem aktuellen Stand zu halten. Die Gruppe heißt Fake Sugar und bezieht sich auf ein Lied von Beth Dito. Und was ich dort nicht ausgesprochen habe. Neben allem ist mit meine größte Angst, dass ich nicht in Würde sterben kann. Ich habe mich mit meinem Tod arrangiert, er wird kommen, auch wenn keiner weiß wann. Und der Gedanke, dass ich mit Hilfe der Palliativmedizin diesen letzten Schritt in Würde gehen kann, hat mich getröstet und mir die Angst genommen. Doch keiner weiß, ob mir diese Möglichkeit verwehrt wird... Es geht also nicht um Suizid, auch wenn es sich vielleicht so anhört, sondern um die Gestaltung wie ich im Zweifel sterben möchte. Und dies kann bedeuten, dass ich mich gezielt gegen eine Behandlung entscheide...
Zum Schluss möchte ich noch los werden, dass trotz aller massiven Einschränkungen durch Corona, (Einschränkungen durch den Krebs habe ich nicht), ich jeden Tag lebe und Freude daran habe. Mein Leben ist lebenswert und meine Hoffnung, dass die deutsche Gesellschaft dies auch so sieht.
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Datum

25.03.2020

Räumlicher Geltungsbereich

Darmstadt

Urheber

Trixie

Mitwirkender

Gruppe von Freunden

Rechteinhaber

Ja

Rechte

CC BY-SA 4.0

Sammlungen

This item was submitted on 27. März 2020 by [anonymous user] using the form “Leben in der Corona-Krise” on the site “Das Coronarchiv”: https://coronarchiv.geschichte.uni-hamburg.de/projector/s/coronarchiv

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