Meine Erkrankung in den Subtropen

Objekt

Titel

Meine Erkrankung in den Subtropen

Beschreibung

Bis zum 5. April 2020 war der Coronavirus für mich persönlich zwar allzeit in den Medien präsent und im Alltag durch die Schutz-Maßnahmen, nicht jedoch gesundheitlich. Es war ein Sonntag und ich saß wie immer frühmorgens am Laptop, um Artikel für meine Kunden zu verfassen. Ich bin freiberuflicher Texter und lebe seit rund 8 Jahren in der Dominikanischen Republik. An diesem Sonntagmorgen bemerkte ich die ersten Symptome. Etwas fiebrig, unwohl und immer mehr das Bedürfnis, tief durchzuatmen. Nach zwei Stunden habe ich meine Arbeit abgebrochen und legte mich auf das Sofa im Wohnzimmer. Die Atmnot verstärkte sich. Dieses grauenhafte Gefühl, die Lunge nicht mehr vollständig mit Luft füllen zu können. Noch jetzt, fast genau einen Monat später, überkommt mich in der Erinnerung die Angst davor, wobei meine Atmung nach wie vor noch nicht wieder so funktioniert wie vor diesem Tag. Den Rest des Tages verbrachte ich liegend im Wohnzimmer, hin und wieder aufstehend und versuchend, mehr Luft in die Lungen zu pumpen.

Die erste Nacht, die darauf folgte, war grauenhaft. An Schlaf war nicht zu denken. Jedes Mal, wenn ich eindämmerte, weckte mich mein Körper mit dem Verlangen, den Mund aufzureißen und die Luft einzusaugen, so als würde meine Atmung nicht mehr unbewusst funktionieren, sondern müsste beständig von mir kontrolliert werden. Mehrmals dachte ich daran, die Ambulanz zu rufen, wurde mir aber auch gleichzeitig bewusst, in welchem Zustand sich das hiesige Gesundheitssystem befindet. Also ließ ich es, noch ging es, ich atmete flach und legte mich ebenso ganz flach ins Bett, obwohl ich eigentlich gerne zwei Kopfkissen nutze. So überstand ich diese Nacht und auch den nächsten Tag. Erst am dritten Tag wurde es etwas besser. Ganz langsam kam dieses unbeschreiblich schöne Gefühl zurück, die Lungen wieder vollständig mit Luft zu füllen. Es dauerte jedoch Wochen mit schlaflosen Nächten und einer wirren Selbstmedikation meinerseits, bestehend aus Hustenmittel, Antibiotika, Moringatee, Melkfett, Vik Vaporub und bis heute Limonentee mit Honig sowie 2 Aspirin pro Tag. Ich bin immer noch kurzatmig, aber ich schlafe durch in der Nacht. Trockener Husten sowie hin und wieder leichte Schmerzen in der Brust beim Einatmen gehören ebenso noch dazu. Interessanterweise beobachte ich verschiedene Zustände des Wohlbefindens. Nachts im Bett ist jetzt alles normal. Nach dem Aufstehen scheint meine Lunge etwas Zeit zu brauchen, sich auf die körperliche Aktivität einzustellen. In den Mittagsstunden fühle ich mich am besten. Es war in den zurückliegenden 29 Tagen aber auch umgekehrt inklusive eines zweitägigen Rückfalls mit größerer Atemnot.

Am 24. Mai werde ich 59 Jahre alt. Mit diesem Alter sowie Übergewicht und dem damit verbundenen Bluthochdruck gehöre ich in die Risikogruppe. Zu meinen Gunsten spricht, dass ich nie geraucht habe und nur selten Alkohol trinke. Hier auf der Insel Hispaniola scheint das Virus nicht so aktiv zu sein, obwohl es viele Dominikaner mit den Eigenschutzmaßnahmen nicht wirklich ernst nehmen und oft viele Menschen auf engem Raum leben. Es könnte an der aktuellen Hitzewelle liegen. Jeden Tag über 30 Grad und eine ungefähr doppelt so hohe UV-Strahlung wie im Hochsommer in Deutschland. Nach dem, was ich über das Virus gelesen habe, ist es von so einem Klima nicht begeistert. Angeblich soll hier in zwei Wochen die abendliche Ausgangssperre (von 17 bis 6 Uhr) aufgehoben werden. Das käme gerade recht zu meinem Geburtstag. Hoffentlich sind dann die Symptome gänzlich verschwunden, denn so ein paar kühle Bier zur Feier des Tages habe ich mir nach dieser Zeit einfach verdient.

Datum

03.05.2020

Räumlicher Geltungsbereich

Sosua, La Union, Dominikanische Republik

Urheber

Erwin Hollecker

Rechteinhaber

Ja

Rechte

CC BY-SA

This item was submitted on 3. Mai 2020 by [anonymous user] using the form “Leben in der Corona-Krise” on the site “Das Coronarchiv”: https://coronarchiv.geschichte.uni-hamburg.de/projector/s/coronarchiv

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