Positiver Coronarblues mit Blick auf die Ostsee

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Titel

Positiver Coronarblues mit Blick auf die Ostsee

Beschreibung

14:44 Uhr. Ich bin Redakteurin im eigenen Pressebüro Strande und gewohnt, etwas zu schreiben. Normalerweise sitze ich hier ziemlich privilegiert an meinem Arbeitsplatz mit Blick auf die Ostsee. Normalerweise...aber was ist schon normal in diesen unglaublichen Zeiten? Mein Blick geht wie immer vom Computer hoch zum Horizont. In 1000 Metern Entfernung von meinem Arbeitsplatz kann ich die Ostsee sehen. Und normalerweise kommt um diese Zeit immer die Oslo-Fähre der Color Line, die ich in einiger Entfernung am Leuchtturm vorbeifahren sehe. Entweder die Color Fantasy oder die Color Magic. Normalerweise. Jetzt ist nichts mehr normal, denn auch die Fähre, nach der ich die Uhr stellen konnte, fährt nicht mehr. Trotzdem liegt das Meer heute dunkelblau hinter den Feldern, als wäre nichts gewesen. War was?

Na klar, es war was. Nichts ist mehr so, wie es war. Trotzdem bleibt die Hoffnung, dass sich jetzt durch diese unglaubliche Krise auch etwas Entscheidendes zum Positiven hin verändert. Ich hoffe, die ganze Arbeitswelt wird sich ändern, hin zu mehr Homeoffice, weniger Pendlern, weniger Staus, weniger Konferenzen, weniger Flügen zu den Treffen... Wir haben doch die Technik für all das, nutzen wir sie. Nicht nur in Krisenzeiten...Oder denke ich da zu positiv? Nein, denn ich denke, dass wir nicht am Ende des Tunnels einfach so zurückkehren zu alten Gewohnheiten. Wir haben etwas gelernt in dieser unglaublichen Zeit: Wir sind verwundbar. Leben auf dünnem Eis.

Ich bin 70, habe Lungenprobleme mit einem allergischen Asthma und bin somit Risikopatientin. Sorgen mach ich mir aber weniger um mich als um meine drei erwachsenen Kinder, Tochter, Sohn, Tochter. Die haben alle fleißig gelernt und ihre Studien erfolgreich abgeschlossen. Arbeiten alle drei für meine schmale Rente. Und jetzt? Wie geht es weiter mit deren Arbeitswelt? Hoffentlich können auch die Firmen meiner Kinder aus dieser Zeit etwas lernen.

Seit zwei Wochen bin ich nun zu Hause. Seit einer Woche mit der von unserer Kanzlerin zu Recht verordneten Kontaktbeschränkung. Nun gut, damit können wir wohl alle gut leben. Zumindest eine Zeit lang. Was aber, wenn Monate daraus werden? Ich lebe allein in einem Einfamilienhaus auf dem Land. Meine Mieterin, die ihre Ferienwohnung hier bei mir gemietet hat, darf aus Hamburg nicht herkommen. Kontakte also im Moment sehr viel über Telefon, WhatsApp mit Kamera (mit meinen Kindern), Skype…gut, dass es all diese Technik gibt. Isolation ist das nicht wirklich.

Was mir fehlt, sind spontane Treffen mit Freunden und anderen Bekannten, Besuche in meiner Lieblingskneipe, Treffen am Wochenende in der Strandbar, Besuche im Restaurant, essen gehen. Skatabende, Theater, Kino, Konzerte, Museum – man merkt erst, was einem fehlt, wenn man es nicht mehr hat. Wenigstens mein Fitnessstudio bleibt mir erhalten, da ich auf Rezept an die Geräte darf. Mein Rücken dankt es mir und so ist wenigstens an einem Tag in der Woche so etwas wie Normalität zu spüren. Mein Wunsch zum Schluss: Bleibt bitte alle gesund! Und selten kam ein Wunsch so sehr von Herzen, wie dieser. Er wurde zum neuen Gruß der ganzen Nation.

Datum

Montag, den 30.03.2020

Räumlicher Geltungsbereich

Strande

Urheber

Gabriele Schreib M.A.

Rechteinhaber

Ja

Rechte

CC BY-SA 4.0

Sammlungen

This item was submitted on 30. März 2020 by [anonymous user] using the form “Leben in der Corona-Krise” on the site “Das Coronarchiv”: https://coronarchiv.geschichte.uni-hamburg.de/projector/s/coronarchiv

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