Nicht Abschied nehmen dürfen

Objekt

Titel

Nicht Abschied nehmen dürfen

Beschreibung

Meine jüngste Patienten kam vor 5 Jahren im Alter von 2 Jahren zu mir. Damals noch auf der Intensivstation. Mit einer neurodegenerativen Erkrankung kam sie dann zu ihren Pflegeeltern nach Hause und wurde dort von einem 24-Stunden-Intensivpflegedienst häuslich versorgt. Als die Eltern sich trennten, wurde die Kleine dann vor 2 Jahren aus ihrer gewohnten Umgebung genommen und in einer Kinderpflege-WG weiter versorgt. Die Pflege-Mutter begann diesen Beschluss anzufechten, besuchte die Kleine aber täglich in der 70km entfernten Einrichtung.
Die Kleine verstarb Anfang April im Alter von 7 Jahren genau an dem Tag, an dem der richterliche Beschluss kam, dass sie zu Unrecht aus ihrem gewohnten Umfeld genommen wurde und wieder nach Hause sollte.

An der Beerdigung durften aufgrund der Corona-Krise nur maximal 20 Menschen teilnehmen (Pastor, Bestatter etc. inbegriffen). Deswegen konnte ich mich bei ihrer Beerdigung leider nicht von der Kleinen verabschieden. Auch in den Wochen vorher hatte ich sie schon nicht begleiten dürfen, da ich als externe Therapeutin die Einrichtung nicht betreten durfte.

Etwas später fuhr ich dann auf eigene Faust zu dem Friedhof, auf dem die Kleine beerdigt wurde, legte ihr eine Flasche mit Murmeln und Noten auf's Grab. Einige Zeit später kam ich mit ihrer Pflege-Mama wieder, wir setzten uns an ihr Grab und blieben dort eine ganze Weile sitzen.

Ich konnte Abschied von ihr nehmen, indem ich dort das Lied spielte, das ich ihr in den letzten Jahren als Brücke zu ihrem Zu Hause gespielt hatte. Es war unser Ritual und jetzt war es unser Abschluss.

Datum

18.04.2020

Urheber

DiEva

Rechteinhaber

Ja

Rechte

CC BY-SA 4.0

This item was submitted on 1. Juni 2020 by [anonymous user] using the form “Leben in der Corona-Krise” on the site “Das Coronarchiv”: https://coronarchiv.geschichte.uni-hamburg.de/projector/s/coronarchiv

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