Bequemlichkeit als Menetekel

Objekt

Titel

Bequemlichkeit als Menetekel

Beschreibung

Das Werk eines unverdient nur regional bekannten Künstlers. Die rot-weißen Sperrbänder repräsentieren das moderne Leben, in dem alles mit allem verwoben ist, auch wenn Begegnung durch ihre Anordnung verhindert wird. Die einladenden Sitzmöbel werden ihrem eigentlichen Zweck entzogen. Entspanntes Verweilen, Sich-Näherkommen ohne Blick auf die Uhr und das schmökernde Eintauchen in anregende Literatur können hier nicht mehr stattfinden. Durch die Aufschrift „Feuerwehr-Sperrzone“ wird Müßiggang geradezu als Katastrophe rezipierbar, Bequemlichkeit zum Menetekel erniedrigt. Unheil könnte drohen, wo Menschen sich gemütlich niederlassen. Die Geißel der Zeit – Übergewicht, der Rückzug ins Private, oberflächlicher Konsum und infektiöse Nähe – scheinen in dem Ledersofa zu kulminieren. Für dieses heimtückische Knäuel stehen die kunstvoll arrangierten Sperrbänder, die trotz aller Verwobenheit eine klare Linienführung erkennen lassen.

Dass der Künstler die gesperrten Sofas in einer Bibliothek platziert hat, darf als bewußte Irritation aufgefasst werden. Dieses Statement richtet sich nicht gegen das Lesen an sich, sondern gegen bequemen Medienkonsum. Literatur als gedruckte Beigabe zum Glas Rotwein ist nicht die Sache des Künstlers. Vielmehr will er dazu ermutigen, sich mit Literatur in unbequemer, weil stehender Haltung auseinanderzusetzen, sie sich, das Gewicht von Fuß zu Fuß verlagernd, in bestem Sinne zu erarbeiten und damit bewußter mit ihr umzugehen. Und so soll auch die menschliche Begegnung stattfinden: auf Abstand, stehend und deswegen geradezu zur Konzentration auf das Wesentliche gezwungen. Mäanderndes Geplauder über Nebensächlichkeiten mag auf gepolsterten Sofas dahinplätschern. Wer stehen muss, kommt zügiger zur Sache und wendet sich dann wieder dem Gehen zu – der Bewegung und der Teilnahme an allem, was um ihn herum ist.

Datum

April 2020

Räumlicher Geltungsbereich

Bibliothek der Europäischen Akademie der Arbeit, Frankfurt am Main

Urheber

C. Kessler

Rechteinhaber

Ja

Rechte

CC BY-SA 4.0

This item was submitted on 23. Juli 2020 by [anonymous user] using the form “Leben in der Corona-Krise” on the site “Das Coronarchiv”: https://coronarchiv.geschichte.uni-hamburg.de/projector/s/coronarchiv

Click here to view the collected data.