Eindrücke aus einer Kleinstadt

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Titel

Eindrücke aus einer Kleinstadt

Beschreibung

Ich habe im Radio von diesem Projekt erfahren und war sofort der Meinung, dass ich auch meine Erlebnisse aus dieser Zeit hier teilen möchte, also fange ich doch gleich mal an...

Anfangs sagten alle, die ich kannte ,,Das wird schon nicht so schlimm." oder ,,Ist doch nur ne Grippe.", das hab ich anfangs auch gedacht, aber als sich immer mehr abzeichnete, was dieses Virus kann, spätestens seit den Bildern aus Italien mit LKWs, die die Toten wegbringen, habe ich diese Meinung geändert.
Die Maßnahmen der Regierung, die bis zum jetzigen Zeitpunkt gelten (05.04.2020 um 13:37 Uhr), finde ich gut und richtig.
Als der erste Fall in Deutschland eintraf, war hier in Grabow noch keine Besorgnis, die Regale waren voll und man gab sich die Hand. Ich selbst dachte mir ,,Bei uns in Mecklenburg kommt eh alles 100 Jahre später an."
Es war auch lange nichts, bis an einem, ich glaube Freitag, Morgen ich und meine Ausbilderin, ich bin Azubi im ersten Lehrjahr als FaMI-Archiv, S. P. zum Frühstück gehen wollten. Da kam die Vertretung der Sekretärin, Frau K. K., aus dem Sekretariat und meinte, sie solle ihr Kind aus der Schule holen, in Neustadt-Glewe gäbe es wohl den ersten Verdacht. Schnell wurde ihr versichert, dass es eine andere Schule sei, aber noch am selben Tag gab der Landrat Stefan Sternberg (SPD), ehemaliger Bürgermeister von Grabow, bekannt, dass die Schulen und Kitas nun dicht gemacht werden.
Ab da war klar, Corona hat M-V und LuP erreicht, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis es Grabow erreicht. Die Stadt traf einige Maßnahmen, das Lichterfest und viele andere Veranstaltungen wurden abgesagt, was der Bürgermeisterin Frau Kathleen Bartels (SPD), wie sie am nächsten Tag beim Frühstück sagte, vorwurfsvolle Blicke ihrer Kinder einbrachte. Ich glaube das war auch das letzte Frühstück, dass die Stabsstelle des Rathauses mit dem Personal des Meldeamtes im Keller des Rathauses einnahm, danach sollte man in seinem Büro Frühstücken und bitte auch zu Mittag essen.
Zu dem Zeitpunkt wurden Ausgangsperren noch rege in den Medien diskutiert und Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verhing auch etwas ähnliches in Bayern. Da bekam ich es auch langsam mit der Angst zu tun, was denn wäre, wenn das jetzt auch für uns in M-V kommt. Also beschloss ich nochmal einkaufen zu gehen. Ich ging um 12 Uhr los, in der Hoffnung der Lidl sei dann nicht so voll, das war auch so, aber das war das erste Mal in den 17 Jahren, in denen ich meinen Körper nun schon über diesen Planeten schleppe, dass ich leere Supermarktregale sah. Mein Vater witzelte am Telefon ,,Fast wie früher." und erzählte mir eine Anekdote aus seiner Jugend in der DDR.
Was ich auch bemerkte, war, dass die Stadt sehr leer war. In einer mecklenburgischen Kleinstadt ist zwar generell wenig los, aber diesmal war es anders. Es war bedrückend, eine Art Dunstglocke der Angst über der Stadt. Es dauerte, bis ich mich daran gewöhnte. Man sah wenig Fußgänger oder Radfahrer und auch weniger Autofahrer. Wenn man letztere sah, dann meist mit überhöhter Geschwindigkeit Richtung Supermarkt...
Ich wurde dann auch bald ins Homeoffice geschickt, Meldekarteikarten abtippen, doch bereits nach zwei Wochen wurde mir gesagt, ich dürfe auf freiwilliger Basis wieder im Rathaus arbeiten, das nahm ich dankend an, denn Homeoffice war nichts für mich, so unproduktiv war ich zuletzt im AWT-Unterricht (Arbeit, Wirtschaft, Technik).
Da ich kein Desinfektionsmittel mehr habe, es war schon vor Corona aufgebraucht, wasche ich mir öfter die Hände, mindestens vier oder fünf Mal am Tag.
Die Wohnung verlasse ich nur mit einem Stück Toilettenpapier in der Tasche. Ja, ich habe einen der rarsten Gegenstände dieser Zeit in der Hosentasche. Mit Toilettenpapier in der Hand öffne ich Türen und so weiter.
Da ich nicht wusste, wann ich mal wieder etwas vom Essen meiner Mutter genießen kann, bat ich sie, mir meine Schulsachen zu bringen, denn am 20.04. sollte die Berufsschule wieder öffnen. Und wenn sie schon herkommt, dann doch bitte auch mit genug Gulasch und Bolognese für mich. Das tat sie auch und brachte mir, ich komme eigentlich aus Quetzin bei Plau am See, auch ein paar Gummihandschuhe mit, die ich mir fürs Einkaufen aufhob. Bis jetzt war ich nur einmal Einkaufen, 200g Hack vom Schwein, ein halbes Weizenbrot und ein Stück gedeckten Apfelkuchen.
Bei meinen täglichen Spaziergängen, noch darf man ja, fällt mir zusehends auf, dass die Grabower sich auch an die Dunstglocke gewöhnt haben und, mit Abstand, sich über den Zaun hinweg unterhalten. Ich sehe auch wieder mehr Fußgänger.
Meine Mutter erzählte mir am Telefon, dass bei uns im Dorf alles über die Hecke hinweg läuft und, dass das Heckenbier, eigentlich etwas, das man im Sommer konsumiert, bereits Anwendung findet.

Datum

05.04.2020 um 14:12 Uhr

Räumlicher Geltungsbereich

19300 Grabow

Urheber

Jungarchivar Melzer

Rechteinhaber

Ja

Rechte

CC BY-SA 4.0

This item was submitted on 5. April 2020 by [anonymous user] using the form “Leben in der Corona-Krise” on the site “Das Coronarchiv”: https://coronarchiv.geschichte.uni-hamburg.de/projector/s/coronarchiv

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