Perspektiven

Objekt

Titel

Perspektiven

Beschreibung

Derzeit erlebe ich die Coronazeit aus vielfältigen Perspektiven.

Als alleinerziehende Mutter zweier Söhne. Einer im Schulalter, oftmals im Schulalltag großen Belastungen ausgesetzt, wöchentlich in Therapie gehend und auf ganz besondere Unterstützung angewiesen. Einer mit fünf Jahren noch zu jung um tatsächlich wirklich zu begreifen. Wir sehen von unserem Fenster aus einen großen abgesperrten Spielplatz und die Sonne strahlt durch die Bäume des Parks vor unserer Haustür. Derzeit grausam und schön zugleich, dürfen wir ja nicht wirklich am Leben jenseits der Haustür teilhaben.

Die andere Perspektive ist die der Pädagogin und Studentin in mir. Dreimal die Woche arbeite ich in einer Kita, bin also systemrelevant. Ich verdiene wenig Geld und mache gerade die Arbeit, die notwendig ist ein System zu stützen und für etwas Normalität zu sorgen. Wenn abends aus den Wohnungen Applaus erfolgt, kann ich nur müde lächeln. Ich gefährde meine eigene Gesundheit, die meiner Kinder und meiner Kolleginnen und Kollegen, indem ich dreimal die Woche mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahre. Dafür muss ich meine Kinder ebenfalls in die Fremdbetreuung geben und da blutet mir mein Herz. Meine Kinder für eure Kinder, heißt es. Für meine Kinder gehen hingegen auch andere auf die Straße. Ironisch, aber eine Alternative gibt es nicht. Unser Beruf wird selten gewertschätzt. Unterbezahlt, unterrepräsentiert, nicht gesehen, nicht einmal in dieser Krise für voll genommen. Es wird für den Pflegebereich und die Ärzte geklatscht. Uns wird man mitunter auf Kurzarbeit setzen und alleine im März hatte ich vierhundert Euro weniger auf der Bank.

Kommen wir zu meiner letzten Perspektive: als Mensch. Als Mensch der seit seiner Geburt in Berlin lebt. Ich hasse diese Stadt manchmal. Die Mieten wurden im Laufe der Jahre unbezahlbar, der Lärm und die Abgase vor der Tür unerträglich. Dennoch zahle ich für einen Mythos. Mythos Berlin. Die Kultstadt an der Spree. Ich bezahle einen Namen. Eine Idee. Diese Stadt ist teuer geworden, hat an Seele verloren. In den letzten Wochen erwischte ich mich oft bei dem Gedanken: wofür so viel Geld ausgeben? In einer unmodernisierten Wohnung, mitten an einer Hauptstraße, in einem Bezirk der kein Klopapier mehr verkauft und mir im Grunde mein Leben ad absurdum führt. Als die Stadt plötzlich ruhiger wurde, die Autos und der Fluglärm fort waren, begann ich mich etwas mit Berlin zu versöhnen. Da waren plötzlich wieder Vögel zu hören und niemand drückte einem in der Tram die Ellenbogen ins Kreuz. Es ist möglich sich durch die Straßen zu bewegen, ohne Slalom zu laufen und die übliche Anonymität der Großstadt weicht einem Miteinander. Soziales wird nun größer geschrieben, wir achten aufeinander. Nachbarn die unterstützen, Alte und Junge im Austausch. Die Obdachlosen erhalten Spenden von völlig Fremden an Gabenzäunen und die Kartons mit "zu verschenken"-Angeboten stehen fast vor jeder Haustür. Menschen haben wieder Zeit sich zu besinnen. Konsum, Kapitalismus, Wirtschaft...das kann nicht alles gewesen sein. Unsere persönliche Freiheit, etwas mehr Zeit für die Familie, etwas mehr Würdigung der Care Arbeit, etwas mehr Klarheit über das wo es hakt in dieser Gesellschaft. Dafür hat Corona vielen bereits die Augen geöffnet.

Es wäre ein Irrtum davon auszugehen, dass diese Krise uns ins Utopia der Neuzeit führen wird...aber ein wenig zu uns selbst, mag es geführt haben. Unsere Lieben wieder in die Arme schließen zu dürfen, Geld zu verdienen und es nicht für Krempel auszugeben, Profit nicht mehr über Menschenwürde zu stellen usw. Eventuell hat uns Corona weltweit gefehlt, um uns die Chance zu geben bewusster zu leben, zu handeln und achtsamer mit uns, den nächsten, diesem einen Planeten und unserer Zukunft umzugehen.

Ich wünsche es mir und den Kindern für die Zukunft sehr.

Datum

6.4.2020

Räumlicher Geltungsbereich

Berlin

Urheber

Alleinerziehende Pädagogin

Rechteinhaber

Ja

Rechte

CC BY-SA

This item was submitted on 6. April 2020 by [anonymous user] using the form “Leben in der Corona-Krise” on the site “Das Coronarchiv”: https://coronarchiv.geschichte.uni-hamburg.de/projector/s/coronarchiv

Click here to view the collected data.